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Lesung Alois Reiter (27.4.2014) - Literatur im Schloss

veröffentlicht um 21.04.2014, 10:49 von Thomas Trenker   [ aktualisiert: 29.04.2014, 11:38 ]

Alois Reiter

Biogärtner, Dichter, Aphoristiker - also Hand- UND Kopfarbeiter

Wir laden ein zu einem literarisch/musikalischen Nachmittag mit Alois Reiter. Er liest aus seinen Werken und spielt mit dem Akkordeon. 
Die Eröffnung erfolgt durch den Autor Richard Wall.

Sonntag, 27.4.2014, 16.30 Uhr, Burghof Schloss Hagenberg

Rezension

GEGENWARTSLITERATUR 2232

erden

Literatur entsteht durchaus aus den unsichtbaren Rissen, die durch jede Gesellschaft verlaufen und an denen sich der Feinfühlige ansiedelt, um zu überleben.

Alois Reiter ist nach mannigfaltigen Berufen in der Stadt letztlich ins Mühlviertel aufgebrochen und zertifizierter Biobauer geworden. Zu einem Schlüsselerlebnis wird ihm jener unfreundliche Akt diverser Mitbewohner, die ihm eines Tages in Wurzelreichweite seines Biotops alte Asphalte von demontierten Straßen zu Füssen legen.

Diese Bedrohung im innigsten Lebensraum zieht sich wie ein roter Faden durch die Gedichte Alois Reiters, ob es sich um einen Einbruch des Todes in die Kindheit handelt, um das Zusammenkippen ganzer Landstriche bei Kriegsende oder um das Zusammenfallen liebgewonnener Lebensordnungen.

„Horch sagte die Schwester // Der Totenvogel schreit // Wir hockten eng / Am kalten Kachelofen // Der Nachtmahr schlich / Zur Tür herein // Wenn im Stall die Pferde stampften / Zitterte mit uns das Haus.“ (8)

Der Einzelne wird oft zerrissen in diesen Kräfteparallelogrammen, mal kann er die Kleidung nicht schnell genug wechseln, mal kommt er mit dem Kopf nicht nach.

„Totenvogel Taubenkleid // Langschattig Herz / Sturmgerissen / Den Waffenrock samt Orden // Schmiss der Soldat / In den Bach / Kriegsende Aufbruch / Zum kriegerischen Frieden.“ (15)

Einen Frieden, wenn es denn einen gibt, mit den Gewalten kann man nur im Einklang mit den Naturgesetzen finden, in diesem Reich der Jahreszeiten und Fruchtfolgen ist es auch nicht verpönt, ein demütiger Feldherr der Ähre zu sein.

„Feld der Ähre // Ein Feldherr bin ich / Feuerbohne Federbusch / Morgenperle Achselstück / Schreite kniebeug / Auf dem Feld der Ähre.“ (47)

In den Aphorismen sind diese Überlegungen für ein kantiges, im inneren Einklang ausgelegtes Leben zu straffen Botschaften gestaltet, die oft schroff sind wie ein Stück Rinde oder eingerollt wie eine Pflanze unterm Niederschlag.

„Beginne den Tag, sonst beginnt der Tag mit dir.“ / „Eine Hand wäscht die Andere – mit Schmierseife.“ / „Countdown läuft. Niemand zählt mit.“ / „Angst schwimmt gut im Alkohol.“

Und prophetisch über diese ausgespähte NATO-Gesellschaft: „Wir werden unsere Anonymität aufgeben müssen.“ (60)

Richard Wall beschreibt in seinem Nachwort die Lebens- und Arbeitsweise von Alois Reiter. Die Nähe zum Philosophen Thoreau ist unverkennbar, viele Gedichte greifen auf keltische Elemente zurück, wie sie in den irischen Naturgedichten vorkommen. Die Freundschaft zum Lyriker Michael Hamburger spielt eine entscheidende Rolle, und der Auftrag zum Schreiben geht vielleicht auf einen Brief aus dem Jahre 1966 von Max Brod zurück: „Ich möchte Ihnen Mut zurufen. Denken sie nicht im ‚understatement‘ von sich. Es war der einzige Fehler, den ich an Kafka gesehen und jahrelang bekämpft habe.“

So ist das aktive und passive „erden“ zur Grundvokabel des Alois Reiter geworden.

 

Alois Reiter: erden. Gedichte & Aphorismen. Mit einem Nachwort von Richard Wall.

Linz: Bibliothek der Provinz 2013. 72 Seiten. EUR 13,-. ISBN 978-3-00028-219-9.

Alois Reiter, geb. 1933 in Linz, lebt bei Rohrbach im Mühlviertel.

Helmuth Schönauer 16/04/14



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